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Michael Dylan Welch

 

Linking and Leaping: A Haiga Primer

 

Verlinkung und Sprung: eine Haiga-Einführung

Übersetzung ins Deutsche von Claudia Brefeld



Zuerst in etwas anderer Form auf der NaHaiWriMo-Seite auf Facebook (4. April 2012) verfasst und gepostet, ansonsten noch auf der Website Graceguts in "Linking and Leaping: A Haiga Primer" veröffentlicht:

 

 

Dieses Haiga enthält ein Gedicht von mir, übersetzt ins Japanische, aus: HaigaOnline 12: 1, Juni 2011 (ein von Linda Papanicolaou herausgegebenes Online-Journal). Das Gemälde ist von Mary B. Rodning, die Übersetzung stammt von Hiromi Inoue. Mein Gedicht im Englischen lautet wie folgt:

 

scented breeze . . .
our conversation takes
an unexpected turn

duftende Brise. . .
unser Gespräch nimmt
eine unerwartete Wendung
 

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, wie das Gedicht und das Bild zueinander in Beziehung stehen und wie das eine vom anderen fortspringt. Diese Beziehungen sind für die Haiga-Kunst von zentraler Bedeutung. An anderer Stelle habe ich grundlegende Definitionen für Haiku und verwandte Genres der Poesie angeboten. Eine dieser Definitionen ist die folgende für Haiga, von der ich hoffe, dass sie auch für Foto-Haiga gilt: 

 

Haiga ist die Kunst, Tuschmalerei, Haiku und Kalligraphie zu kombinieren. Das traditionelle Haiga benötigt alle drei Elemente. So wie es dem Haiku gelingt, in der Beziehung seiner zwei nebeneinandergestellten Teile Raum und Energie zu erzeugen, so fesselt das Haiga den Betrachter durch den „Sprung“ oder der Disjunktion zwischen Gedicht und Gemälde (das Gemälde ist typischerweise keine Illustration des Gedichtes). Das Haiga verwendet zudem die Kalligraphie, um ein ansprechendes visuelles Ganzes zu kreieren, ob nun die Kalligraphie sehr verfeinert und formell oder einfach und selbstentworfen ist. Das moderne Haiga ersetzt manchmal eine der drei Voraussetzungen, so wird z. B. ein Foto anstelle eines Gemäldes verwendet (in Japan auch als photo-haiga oder shahai bekannt) oder die Wörter werden mit Hilfe des Computers anstelle der Kalligraphie eingefügt. Einige Puristen betrachten diese Variationen nicht als authentische Haiga, sie werden jedoch mit der Entwicklung der Computertechnologie immer beliebter. Während das traditionelle Haiga weiterhin Tuschmalerei, Haiku und Kalligrafie erfordern wird, haben Künstler und Dichter viele zusätzliche Kombinationen mit ansprechenden Ergebnissen ausgelotet, wie z. B. die Verwendung von Collagen und anderen Mixed-Media-Gestaltungen.  

 

Ein Schlüsselaspekt des Haiga ist, dass das Bild üblicherweise keine Illustration des Gedichtes und das Gedicht auch keine Bildunterschrift ist. Es sollte ein künstlerisches Wechselspiel zwischen ihnen geben, eine Art unerklärter, aber intuitiver Sprung. Dieses wichtige Merkmal fehlt einer Anzahl der auf Facebook und anderswo im Internet geposteten Foto-Haiga. Wenn das Bild Wolken am Himmel zeigt, schreiben Sie also nicht „bewölkter Himmel“ im Gedicht, denn der Kontext des Bildes zeigt es uns bereits. Wenn Sie dies aber schreiben, bewirkt es nur, dass Sie eine Gelegenheit verpassen, um etwas anderes zu sagen. Etwas, das einen tangentialen Hinweis anbietet und so etwas Größeres als die Summe der Teile der Haiga kreiert. Das Gedicht kann einen Aspekt des Bildes benennen oder erwähnen, aber die meisten Gedichte machen dies im Allgemeinen nicht. Das Haiga, das ich hier vorgestellt habe, ist sicher ein Beispiel, bei dem das Gedicht und das Bild im rechten Winkel zueinander stehen und eine „Verknüpfungstechnik" verwenden, wie sie auch beim Schreiben von renku-Versen angewendet wird. In der Tat sollte sich das Gedicht vom Bild, mit dem es kombiniert ist, wegbewegen, sich also damit verbinden und gleichzeitig von ihm wegspringen. Die wahre Poesie im Haiga liegt in der Beziehung zwischen dem Bild und dem Gedicht.


Ersteinstellung: April 2019